Wenn „Wir sind alle eins“ zu bitter wird

Überall lese ich es, oftmals höre ich es, tief in meinem Inneren weiss ich es. Wir sind alle eins. Wir sind alle gleich. Wir sind alle Menschen. Punkt. Wir sind alle verbunden…

Die All-Einheitslehre ist stark vertreten ich weiss nicht ob in allen, aber in vielen Philosophien und Religionen. An dieser Stelle möchte nicht näher darauf eingehen, wo, wann, wie es steht oder ausgelegt wird / werden könnte und die Diskussion nicht auf wer hat es erfunden, wer hat es wann zuerst gesagt / geschrieben / prophezeit usw. lenken. Das interessiert mich erstmal nicht und lenkt von dem eigentlichen Anliegen, dem Bewusstseinszustand der Einheitslehre und Akzeptanz ab.

Es scheint mehr oder minder „einfach“ Akzeptanz auszuüben, auf der „Wir-sind-alle-Eins-Welle“ zu reiten, wenn wir umgeben sind von Freunden, Familie, (ausgewählten) Kollegen und Umkreis, nicht allzu krassen Umständen, Erlebnissen und Situationen etc., in unserer Zone eben. Manchmal mehr als weniger und ganz bestimmt sehr oft weniger als mehr. Aber hier können wir ein paar Augen zudrücken. Dann kommt ein grösserer Kreis dazu. Fremde, Neulinge, Aliens, seltsame, ätzende, andersartige, geht-gar-nicht Leute… Und es wird immer schwieriger. Die Vorurteile gehen los. Verständnislosigkeit. Vorwürfe. Ignoranz. Ego. Abgrenzung. Ausschluss. Überheblichkeit. Kampf. WIR gegen DIE… Und wir können uns immer weniger identifizieren, geschweige denn urteilsfrei und freudestrahlend behaupten „ja, super! Du bist ein Teil von mir!“. Es löst wohl oft eher ein „Wat?! Mit denen will ich nichts zu tun haben“ aus.

In manchen, hoffentlich vielen Fällen können wir vielleicht irgendwann einmal Barrieren abbauen… Tief in uns gehen… Das Gute in den Menschen sehen. Nach Einheit streben. Sich klar machen, dass jeder Mensch nach Glück strebt. Übung macht den Meister wa? Und irgendwie (auch wenn ich oft nur den Kopf schütteln kann, mich aufrege, verständnislos bin, (ver)urteile, wenn ich mich distanziere, zur Ruhe komme, in mich gehe, wächst oft die Akzeptanz, nicht immer aber ich freue mich umso mehr wenn es passiert. Aber in Fällen, bei denen es einfach mal (aus meiner Sicht) gegen alles Menschliche widerspricht?

Gehen wir auf eine mentale Reise…

Eine Frau die in ein Land hineingeboren wird, in dem sie weder äussere noch innere Freiheit hat. Das ihr ihre Identität, ihre Meinung, ihr Besitz, ihre Bildung, ihre Kultivierung, ihre Vorlieben, ihre Verwirklichung, ihre Würde, ihre Stimme, ihre Wünsche, ihre Träume zunichtemacht – geschweige denn, sie nicht mal auf die Idee kommen lässt welche zu haben. Ein Land in dem sie weder etwas zu sagen hat, noch Wünsche äussern darf, noch ihr Haus ohne männliches Wesen verlassen darf… Wo sie zu gehorchen und alles zu tun hat was man(n) ihr sagt… Wo sie Prügel und schlimmeres einsteckt… Wo sie kein Auto fahren darf… Nicht alleine das Essen kaufen darf das sie kochen muss… Wo sie dann Reste zu essen bekommt… Wo sie weniger Wert ist als Dreck unter den Füssen… Wo Unterdrückung, Missachtung, Respektlosigkeit, Schikane „normal“ ist… Nun wird diese Frau, da sie ja ein verhülltes, wertloses Objekt ist, von fremden Männern einfach mal so misshandelt. Nach diesem unvorstellbaren und unbeschreibbaren Leiden lautet die Anklage: Ehebruch. Die Strafe: Tod durch Steinigung. Nun kommen die Männer zusammen. Es ist Feierlaune angesagt. Die Frau wird bis unter die Brust eingebuddelt. Möglichst langes Leiden, möglichst später Tod. Die Männer freuen sich. Schmeissen los ohne Gemütsregung. Stundenlang. Bis sie irgendwann erlöst ist.

Wie soll mir der „Wir-sind-alle-eins“ Gedanke den Bruchteil einer Sekunde in den Kopf schiessen, wenn mein Impuls ist, die schmeissenden und jubelnden Männer in diesem Fall zu kastrieren? Auf der anderen Seite; wer bin ich schon um darüber zu urteilen und dies bestrafen zu wollen? Bitter.

Ich habe einen sehr weisen Satz gelesen. Je mehr Hass herrscht, desto mehr Liebe solltest du geben! Tief im Inneren fühlt sich das auch absolut richtig an. Kopfmässig macht das auch Sinn. Das haben auch die friedlichen Widerstandskämpfer vorgelebt. Nicht nur mit den netten, oberflächlichen Seiten die wir akzeptieren und „wir-sind-alle-eins“ singen, sondern auch wenn sie schier unterträgliches ertragen / zusehen mussten. Bitter.

Trotzallem sind wir alle eins.

Möge die Macht mit euch sein ❤

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2 Gedanken zu “Wenn „Wir sind alle eins“ zu bitter wird

  1. Ich versuche mich in diese Wesen hineinzuversetzen. Was müssen die ihr ganzes Leben lang erfahren haben um tatsächlich denken zu können, das sei richtig was sie da machen. Traurig.
    Wirklich traurig, dass es so etwas noch immer gibt.
    MfG toe

    Gefällt 1 Person

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