Tradition oder der Tod des Denkens und Fühlens

Erstmal zur Begriffsdefinition lt. Wikipedia:

„Tradition (von lateinisch tradere „hinüber-geben“ oder traditio „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“) bezeichnet die Weitergabe (das Tradere) von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen u. a. oder das Weitergegebene selbst (das Traditum, beispielsweise Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten). Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich über Erziehung, Vorbild oder spielerisches Nachahmen erfolgen. Die soziale Gruppe wird dadurch zur Kultur. Weiterzugeben sind jene Verhaltens- und Handlungsmuster, die im Unterschied zu Instinkten nicht angeboren sind.“ …“und kann im Bereich der menschlichen Kulturbildung umfangreiche religiös-sittliche, politische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Systeme erreichen, die durch ein kompliziertes Bildungssystem weitergegeben wurden.“

Grundstätzlich ist die Tradition ja nichts schlechtes. Es werden einem Werte, Gepflogenheiten, Bräuche, Verhaltungsmuster, Ansichtsweisen vermittelt die in dem eigenen Kulturkreis üblich sind.

Hier eine kleine Geschichte vorab, die ich auf dieser Seite gefunden habe:

Das junge Paar war frisch verheiratet. Eines Tages beschloss die junge Frau, eine Lammkeule zu schmoren. Bevor sie das Ganze in den Ofen schob, schnitt sie von der Keule das untere Stück ab und legte dann die zwei Teile nebeneinander in den Schmortopf.

Ihr Mann schaute ihr über die Schulter und fragte sie: „Warum machst du das?“ „Ich weiß nicht, aber meine Mutter machte das immer genau so.“ war die Antwort.

Daraufhin fragte der Mann seine Schwiegermutter, warum sie das untere Stück der Keule abschnitt.„Ich weiß nicht, aber meine Mutter machte das immer genau so.“ antwortete die Schwiegermutter.

Die Großmutter war noch am Leben und so ging der Mann zu ihr und fragte auch sie, warum sie den unteren Teil der Lammkeule vor dem Schmoren abschnitt. Und die Großmutter antwortet: „Ach, das hat einen ganz einfachen Grund: Mein Schmortopf war damals so klein, dass der ganze Braten einfach nicht hineinpasste.“ (aus Nancy Friday „Wie meine Mutter“, leicht geändert)

Dies ist eine relativ harmlose Geschichte (ausser dass immer noch unschuldige Lämmchen gegessen werden 🙂 ), aber sie verdeutlicht Killerphrase Nr. 1 „das haben wir schon immer so gemacht“ und zeigt anhand einer alltäglichen Situation wie wir auf Autopilot laufen.

Gefährlich werden Traditionen wenn sie als Machtinstrument missbraucht werden, wenn Menschen in ihrem Dasein limitiert, gefesselt und kontrolliert werden. Wenn Menschen die Freiheit genommen wird. Wenn Menschen selbst nicht auf die Idee kommen alles mal zu hinterfragen, bewusst zu sein, bewusst zu handeln, und tatsächlich nicht auf die Idee kommen selbst zu denken und zu fühlen.

Es geht mir hier nicht darum, dass jemand einen Apfelkuchen nach Oma’s Rezept backt… Es geht um Diskriminierung, Mord, politische / religiöse / geschlechtsspezifische Verfolgung, Missachtung, Verstossung, Ehrenmord, Ausschluss, Brautraub, Verfolgung aufgrund sexueller Orientierung, Menschenhandel, Verstümmelungen, Schlachtung, Unterdrückung, Zwangsheirat, Tierquälerei, Objektifizierung = Entmenschlichung, Hass, Vorurteile, Steinigung… im Namen der Tradition.

Weil es schon immer so war. Weil es irgendjemand mal gesagt hat. Weil es irgendwann, irgendwo vielleicht geschrieben stand. Weil es irgendjemand so gedeutet hat. Weil es „normal“ wurde mit der Zeit. Weil es halt so ist. Weil wir das schon immer so gemacht haben. Weil, was ist denn schon dabei. Weil jeder es tut.

Nur weil es jeder tut, bedeutet das nicht dass es auch toll ist. Bei all diesen Taten die heute noch stattfinden, ganz öffentlich, ständig, einfach so… frage ich mich schlicht und einfach: wo ist das Mitgefühl? Wie kann ein fühlender Mensch – ein in diesem Fall traditionsbewusster, wahrscheinlich religiöser Mensch (wird da nicht überall von Nächstenliebe geredet?), solche Taten verrichten… weil… ja warum eigentlich immer noch?

Ich habe die bärtigen CocaCola Männchen, Geschenkewahn, Blumenindustrie, Schokomännchen, die die Metamorphose zu Häschen, Eiern, Lämmchen, dann zu Herzen durchlaufen, das Feiertagssystem das uns das ganze Jahr lang auf Trab hält mal dezent aussen vor gelassen. Vielleicht ist es ganz hilfreich uns ab zu mal zu fragen warum wir etwas genauso tun wie immer um die Achtsamkeit und das Bewusstsein zu steigern.

Heraklit von Ephesos hatte die Erkenntnis dass die einzige Konstante im Universum die Veränderung ist. In diesem Sinne…

Möge die Macht mit euch sein ❤

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2 Gedanken zu “Tradition oder der Tod des Denkens und Fühlens

  1. Liebe Insidetrip,
    ich versteh deinen Ansatz sehr gut. Aber: muss es immer gleich um Machtmissbrauch, Mord und Totschlag gehen? Ja, das sind gewiss wichtige Themen, da stimme ich dir voll und ganz zu. Meiner Meinung nach jedoch beginnt die Veränderung aber bei mir selbst und… endet auch dort. Auch was meine eigene Tradition, meine Familientraditionen etc. betrifft. Ich meine, dass nur die Eigenveränderung leicht ohne Grenzüberschreitung oder Eingriff in einen andern menschlichen Geist vonstatten gehen kann, beim ‚Du‘ sollte man ganz behutsam vorgehen, die Bedürfnisse, Ängste, Erwartungen des/der ‚Anderen‘ erst nachvollziehen können. Allein schon meinen eigenen inneren Dialog, meine Bedürfnisse, Ängste, Erwartungen, die meine ganz persönliche Tradition wirklich zu verstehen und liebevoll anzunehmen ist ein wertvoller Schritt in Richtung Veränderung. Dann noch die Menschen in meinem näheren Umfeld verstehen und annehmen… das ist schon ein verdammt hartes Stück Arbeit. Und damit meine ich auch ihre persönlichen Traditionen, d.h. Gewohnheiten, die nicht immer hilfreich sind oder mich nerven oder einfach nicht mehr adäquat sind, weil sie in einem früheren Stadium des Lebens dem Leben gedient haben, die Situation, die Menschen sich aber geändert haben. Oder weil die Tradition eines anderen Menschen nix mit mir zu tun hat und mein Verhalten nur ein Trigger dafür ist. Im Kleinen, im Alltag damit anfangen und dann größere Kreise ziehen… was meinst du dazu?
    LG, Oliver

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Oliver, danke! Da hast du absolut Recht und ich bin immer ganz vorne dabei und werde nie müde Gandhi zu zitieren: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“ Alles andere macht keinen Sinn, weder jemand anderen verändern oder sich für andere verändern zu wollen (nicht aus „Selbstwunsch“). Es geht nur mit einer Sache / Situation / Gewohnheit etc. sich bewusst machen, akzeptieren, Verantwortung dafür übernehmen, und dann verändern (oder auch nicht). Mit Selbstreflexion, in sich kehren, Akzeptanz wächst auch das Mitgefühl für sich und auch für andere. Dadurch steigt die Grenze des Annehmens vielleicht auch nanomillimeterweise 🙂

      Was ich in diesem Artikel bewusst machen wollte ist lediglich, zu was Menschen fähig sind, im Namen der Tradition zu veranstalten. Menschen wie du und ich. Sozusagen im Kollektiv-Unbewusstsein, Autopilot-Dasein. Nicht um zu verurteilen, sondern um für das Mitgefühl zu appellieren und Bewusstsein zu schaffen. Für mich sind Rückzüge wichtig, im Alltag meine Gedanken, Handlungen, Gewohnheiten immer wieder in Frage zu stellen. Von den banalsten bishin zu den gravierendsten Dingen. Ich glaube, wer achtsam ist, seine Handlungen hinterfragt und bewusst macht, lässt sich mit „haben wir schon immer so gemacht“ und im Namen von xy nicht so einfach abspeisen… oder? LG, Feraye

      Gefällt 1 Person

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