Die Kunst des Wegsehens

…in der Bahn läuft täglich ein Mädchen die Waggons ab, mit nicht sehr warmen Klamotten bei diesem kalten Wetter, mit einem Becher und bittet um Hilfe, um Essen, um Geld… plötzlich ist jeder beschäftigt am Lesen, oder fokussiert auf die Landschaft die an uns vorbeizieht…

…auf der Strasse sitzt ein Mensch, eingewickelt in vermutlich all seine Klamotten und einen Schlafsack, auf Pappe mit einem Becher vor sich, und bittet um Essen, etwas warmes, Geld… plötzlich beschleunigen die Passanten den Schritt, sehen etwas super interessantes auf der anderen Strassenseite, betrachten ihre Schuhe…

…ich erzähle über eine Doku, die in mir meine Seele und Knochen vibrieren liess vor Abscheu und Unglaube über den Alltag in einem Schlachthof mit versteckter Kamera. Zu dem ich mich selbst zwingen musste und wollte mir das bis zum Ende anzusehen, obwohl mir schlecht wurde und die Tränen nur so kullerten, plötzlich schütteln sie die Köpfe und sagen sie wollen das nicht hören, finden es schrecklich und wechseln schnell das Thema, noch auf einem Stück Schweinefleisch kauend…

…ich rede hier über hungernde, verdurstende Menschen, über fehlende Medikation obwohl sie in Überfluss existiert, über Kinderhandel, Sextourismus, Rassismus, Hass, Machtgier, Menschen die auf der Flucht sind, Männern in religiösen Institutionen die sich an kleinen Jungs vergehen, über Krieg, Verachtung, Misshandlungen, Unterdrückung, Freiheitsraub, Sklavenhandel, Kindersoldaten, Mädchenbeschneidungen, Schlachtung, Verwüstung der Natur… plötzlich möchten das die meisten sicherlich nicht einmal lesen…

Und ich frage mich wieso. Wieso machen wir einen auf die 3 Affen? Hören nicht, sehen nicht, sagen nichts?

Weil wir uns schuldig fühlen? Weil wir nicht etwas tun? Weil es uns Angst macht, dass uns das auch schneller als gedacht passieren könnte? Weil wir denken dass es weggeht oder nicht passiert wenn wir es nicht beachten? Weil wir eigentlich genau dieses System unterstützen? Weil sie uns erinnern in welcher Ignoranz wir leben? Weil wir uns schlecht fühlen wenn wir ’sowas‘ sehen oder hören? Weil sie uns an unsere ‚Pflichten als Mensch‘ ans Mensch-sein erinnern? Weil sie uns erinnern wie wenig Mitgefühl wir doch haben? Weil sie uns bewusst machen, dass wir sie im Stich lassen? Unsere Brüder, unsere Schwestern…

Natürlich können wir uns das alles jetzt schönreden. Natürlich können wir uns direkt in Ausreden verstricken. Natürlich können wir uns selbst belügen. Natürlich können wir sofort in Abwehr gehen.

Wir können aber auch hinsehen. Der Wahrheit ins Gesicht sehen. Wir können auch Mensch werden. Wir können auch aufwachen. Wir können uns selbst ‚retten‘. Und damit die Welt retten.

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6 Gedanken zu “Die Kunst des Wegsehens

  1. Ich habe immer eine unterschiedliche Einstellung zum Geld an Bettler geben. Manchmal denke ich, ich gebe einfach mein Geld, weil ich danach gebeten wurde und kümmere mich nicht darum, was damit passiert. In anderen Fällen, besonders in Frankfurt, haben wir einmal Geld gespendet und danach ein schlechtes gefühl gehabt, dass dieser Mensch es für Alkohol oder Drogen sammelt und ihm eigentlich ein Nein besser getan hätte. Aber vielleicht ist es besser, einmal mehr zu geben, als weniger.

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    1. Absolut, ich habe damit auch manchmal meine Schwierigkeiten und denke dass eine warme Suppe viel besser geeignet wäre, als z. B. eine Flasche Bier. Denn wir geben ja um etwas Gutes zu tun. Aber das ist eben meine persönliche Sicht was gut wäre… Vielleicht ist es für den Nehmer in dem Moment einfach das beste und schönste was er sich wünschen kann eine Flasche Bier! Wir wissen es nicht was in Menschen vorgeht, und nicht geben ist auch keine tolle Alternative. Daher schliesse ich mich dir vokommen an mit – einmal mehr geben als weniger. Finde ich wunderbar deinen Gedanken 🙂 LG, Feraye

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  2. Ich geb dir absolut recht, es wird viel zu oft weggesehen! Auch von mir, ehrlicherweise, denn wenn ich in der stadt bin, sitzt an jeder ecke wer und ‚bettelt‘. Für mich ist es schwer, jedem einzelnen etwas zu geben, manchmal geb ich schon was her.. In wien hab ich leider die erfahrung gemacht, dass die bettler ’nur‘ geld für alkohol wollen bzw. kleine kinder teil einer organisierten bande sind, die laut einer reportage das geld an den chef abgeben müssen, geschlagen werden usw…

    Uns fehlt heutzutage die nötige achtsamkeit und das mitgefühl, jedeR schaut nur auf sich nach dem motto „wenns einem selbst gut geht, ist alles gut“

    Greets cao

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    1. Danke für deine Ehrlichkeit 🙂 Mit diesem Artikel fasse ich mir auch ordentlich an die eigene Nase – denn ich tue es auch. Ich verstehe deinen Punkt… Auch wenn wir nicht immer und jedem etwas materielles geben können, ist doch ein Stück Schokolade, eine warme Suppe, ein Lächeln, ne warme Decke die man eh zuviel hat, Menschlichkeit, Herzlichkeit, Wahrnehmen etc. auch ein geben. Wegschauen und/oder bemitleiden finde ich schlimm, wir könnten wenigstens versuchen die Menschen als Menschen wahrzunehmen, Mitgefühl zeigen und sie nicht als ‚Störenfriede unserer heilen Welt‘ sehen oder behandeln… Oder so… LG, Feraye

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      1. Ok, aus dem ‚winkel‘ hab ichs noch nicht gesehen, denn ich bin schon stets freundlich und erwiedere ein lächeln, nur geb ich eben nicht jedem/jeder geld oder essen…
        Viele freuen sich auch besonders, wenn man mit baby vorbeigeht und das kind ein lächelt 😊 denn kinder haben noch keine vorurteile!

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